DEUTSCH / ENGLISH
Am Abend des 19. November 1972 endete ein Wahlkampf, wie ihn die Republik noch nicht erlebt hatte. Gegen den erbitterten Widerstand des bürgerlichen Lagers wurde Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt und damit die konservative Nachkriegsära endgültig verabschiedet. Auch Henri Nannen, der Stern- Chefredakteur, mochte und bewunderte den SPD-Politiker, und mich setzte er auf ihn an. Fortan drängelte ich mich in Fraktionssitzungen, reiste mit den Brandts in den Urlaub nach Fuerteventura und Norwegen, tourte mit dem Bundeskanzler auf "Informationsreisen" durch die Bundesrepublik und begleitete ihn zu Staatsbesuchen. Unsere letzte gemeinsame Reise war Ende April 1974 zu Anwar el-Sadat in Kairo. Am Morgen unserer Rückkehr wurde der spionierende Günter Guillaume verhaftet und Brandt trat zurück. Anders als meine Kamera kam ich dem Kanzler jedoch nie wirklich nahe. Willy Brandt schien immer irgendwo in den Wolken, und auch nach zwei gemeinsamen Jahren begrüßte er mich immer noch, als sähe er mich zum ersten Mal.
/
    Infotext