DEUTSCH / ENGLISH
Ich bin viel gereist in meinem Fotografenleben, doch um ein spannendes Foto einzufangen, brauchte ich eigentlich nur vor die Haustür zu treten. Das habe ich oft und gern getan, wenngleich es immer Arbeit und Abstraktionsvermögen erforderte, aus dem Alltäglichen und Gewohnten ein starkes Bild herauszulösen. Heimatbilder sind einfach schwierig. Ich war deshalb zunächst ein bisschen ratlos, als mir der STERN Anfang 1983 den Auftrag gab, mein Land zu porträtieren. Eine enorme Freiheit – aber wo anfangen, wo aufhören? Ich fuhr einfach los, ohne Ziel und Plan, und nach einiger Zeit ergab sich ein Motiv nach dem anderen: Karnevalsgäste, die ans Portal des Kölner Dom pinkelten. Passanten, die zur Akkordeonmelodie eines beinamputierten Strassenmusikanten tanzten. Eine alte Dame, die prüfend ein Sonderangebot unter die Lupe nimmt. Als die Reportage "Deutschland im März" dann auf zwölf Doppelseiten im STERN erschien, gab es Proteste- die BILD-Zeitung veröffentlichte einen vernichtenden Kommentar mit der ironischen Schlussbemerkung: "Das hat Helmut Schmidt nicht verdient." (Schmidt war bis 1982 Bundeskanzler.) Dabei war ich einfach nur mit offenen Augen durch Deutschland spaziert. Für meine Landsleute war ich dennoch ein Nestbeschmutzer.
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