DEUTSCH / ENGLISH
Grau. Wenn man sich Fotographien aus den deutschen Nachkriegsjahren anschaut, überfällt einen diese Farbe geradezu: Graue Mäntel, grauer Staub, graue Trümmer, graue Äcker, graue Häuser, ja, sogar die Menschen wirken irgendwie grau. Grauenvoll. Trümmerdeutschland war aber gar nicht so. Ich hatte nach dem Krieg lange genug in den USA zugebracht, um die Gemütslage einer satten, siegreichen Nation kennenzulernen, die zu ahnen beginnt, dass ihre besten Zeiten vorbei sind. Genau umgekehrt war es in Deutschland. Dort herrschte eine Aufbauatmosphäre, ein "Hurra, wir leben noch!" und die euphorisierende Gewissheit, dass nun das Schlimmste überstanden war. Die Menschen bauten Häuser aus Ruinen und auf Brachen neue Fabriken, in den Provisorien feierte und tanzte man, amerikanische Gls vergnügen sich mit deutschen Mädels, und von Neukölln bis St. Pauli setzte ein zarter Aufschwung ein. Gleichzeitig zerfiel das Land immer deutlicher in zwei Teile. Und wie eine dunkle Erinnerung, dass der Krieg gerade erst gestern gewesen war, kehrten 1955 die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus dem Osten zurück. Ein Heer von Wattejacken, Holzkoffern und zerschlissenen Schuhen versammelte sich da in Friedland, auf manche warteten Angehörige, auf viele nicht. Die Gesichter, in die ich an diesem Tag blickte, waren tatsächlich tiefgrau.
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