DEUTSCH / ENGLISH
Es gab kein Hotelzimmer, in dem nicht der Badewannenstöpsel fehlte. In den Strassen stieß ich auf Armut und Hässlichkeit, verfallene Häuserblocks und Bauern mit Pferd und Karren, die sich im Jahrhundert geirrt zu haben schienen. Nur wenig später lief ich durch Moskaus kunstvoll gekachelte U-Bahnhöfe, sah im Café Molodjosh schönen Russinnen beim Tanz zu oder ließ mir von einem Ingenieur das hochmoderne und beste Weltraumprogramm der Erde erklären. Die Sowjetunion erschien mir immer als ein Land voller Widersprüche. Ihren Funktionären gefiel es jedoch gar nicht, wenn ich diese Gegensätze dokumentierte. Man brauchte mich nur mit einer Kamera auf einem Bahnhof zu sichten, schon gab es Ärger, und einmal, im Frühjahr 1971, wurde ich sogar des Landes verwiesen. Doch der Ärger lohnte sich. 17 Mal reiste ich zwischen 1962 und 1989 in die Sowjetunion – und kehrte jedes Mal mit Geschichten zurück, die groß gedruckt wurden. Im Westen galten Russland und seine Satellitenstaaten, solange Sozialismus und Eisener Vorhang hielten, als unergründliches Mysterium, als mächtiger Feind von gestern und vielleicht von morgen, fremd und faszinierend zugleich. Mit anderen Worten: als gutes Thema für Reporter.
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