DEUTSCH / ENGLISH
Die Rituale glichen sich wie die Gesichter und die Schauplätze. Staatsbesuch in Bonn, und der jeweilige Bundeskanzler oder Bundespräsident tritt mit seinem Gast vor die Presse. Händeschütteln, Lächeln, ein paar verkrampfte Bemerkungen. Danke, das muss reichen. Weil aber auch Politiker Menschen sind, blitze manchmal für Sekunden ein bißchen Individualität auf, die das Protokoll nicht vorsah. Der russische Aussenminister Andrej Gromyko zum Beispiel griff sich spontan meine Kamera und fotografierte zurück. (Das Bild wurde nichts. Was lernen wir daraus? Fotografieren ist doch nicht so einfach.) Sein Chef, Leonid Breschnew, verwickelte mich einmal in ein Gespräch, als ich gerade aus der Sowjetunion ausgewiesen worden war – und besorgte mir, als ich ihm davon erzählte, prompt ein neues Visum. Und bei einem Besuch auf Titos Adrainsel Brioni kramte der jogoslawische Staatspräsident stolz Fotografien hervor, die er persönlich bei Reisen durchs Land gemacht hatte. Mit einigen von ihnen, so erzählte Tito, habe er sich einmal incognito an einem Fotowettbewerb in Belgrad beteiligt. Postwendend seien die Fotos zurückgekommen. Begründung: "Die Bilder entsprechen leider nicht unseren Vorstellungen."
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